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Zeit. Die hat ein Mensch, der in einer Gefängniszelle eingesperrt ist. Dann vergehen Minuten wie Stunden und es gibt genug Raum für Träume von der Freiheit. In Puch am Urstein, südlich von Salzburg, entsteht derzeit der Neubau der Justizanstalt, der im Juli 2015 fertiggestellt werden soll.
Wie plant man einen Ort, an dem Menschen ebendiese Freiheit entzogen wird?

„Freiheit gibt es in der Haft nicht. Aber Freiraum, auch wenn dieser sehr gering ist“ sagt David Klingbacher, stellvertretender Leiter der Justizanstalt Salzburg. Architektur hat die Möglichkeit, diesen Freiraum der Häftlinge zu gestalten. Hier gehe es unter anderem darum, meint Klingbacher, das Gefängnis so zu gestalten, dass „psychische Schäden vermieden werden“.

Die Gitterstäbe vor den Fenstern seien eine Vorgabe der Justiz, erklärt der Architekt Wolfgang Poos vom deutschen Architekturbüro Poos Isensee. „Die Häftlinge sollen den Freiheitsentzug auch spüren – und das wird über die Gitterstäbe vermittelt“. Trotzdem müsse man das Gebäude „human gestalten“ und beispielsweise weiche Materialen und Farben einsetzen.

Justizanstalt Salzburg_6_(c) Peschke Design

Rendering: Peschke Design

 

Kein „behübschtes“ Gefängnis

Anders sieht dies Michael Anhammer, Architekt des Anhaltezentrums in Vordernberg, Steiermark. Er hat bewusst keine Gitterstäbe vor den Fenstern geplant, denn „kleine Veränderungen sind auch Veränderungen und man sieht sehr wohl die Grenzen“. Als „behübschtes Gefängnis“, würde Anhammer das Anhaltezentrum aber nicht bezeichnen. „Es ist eine adäquate Möglichkeit, frei zu sein, aus dem Fenster zu schauen,“ sagt Anhammer, denn in alten Gefängnisbauten seien die Fenster oft zu hoch angeordnet, um überhaupt rausschauen zu können. „Ich glaube, dass es wirksam ist, wenn es einen Ausblick gibt und man auch von außen hineinschauen kann.“
Man habe versucht, den Freiraum so zu gestalten, dass die Schubhäftlinge sich tagsüber frei bewegen können und ein „zeitgemäßes Menschenbild in solche Räume hineingebracht wird“.

Darauf setzte auch das Architekturbüro Poos Isensee bei der Planung der Justizanstalt. Der Gebäudekomplex ist in vier Trakte aufgeteilt und durch einen Innenhof verbunden. Baupolier Hans Mittermeier beschreibt es als „quasi freien Vollzug“, da die Häftlinge innerhalb der Mauern frei herumlaufen können. „Wenn jemand brav ist, bekommt er die Zelle mit Ausblick auf die Salzach“, sagt Mittermeier.

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Eine Welt für sich

Derzeit sind in der Salzburger Justizanstalt 200 Häftlinge untergebracht – meistens zu zweit, aber auch bis zu sechst. Im Unterschied zur alten Justizanstalt gibt es im neuen Gebäude fast ausschließlich Einzelzellen. Man setzt auf Gemeinschaftsräume und Wohngruppen, wo die Insassen bis zur Nachtruhe gemeinsam leben. „Das Gefängnis ist eine Welt für sich“, beschreibt Poos. Hier gebe es alles, was das Leben ausmache, auf engstem Raum. Turnsaal, Veranstaltungsraum, ein kleiner Supermarkt und eine Werkstatt sind in den Komplex eingebunden. Umgeben ist das Gefängnis von zwei Mauern, die jeweils 6,8 Meter hoch sind und von einem drei Meter hohen Stacheldrahtzaun ergänzt werden.

In Vordernberg wollte Anhammer keine Mauern. Dadurch würde die Innen-Außen-Funktion aufgebrochen werden und auch Interaktion mit der Umgebung stattfinden. „Die Gemeinde soll belästigt werden“, sagt Anhammer – dadurch entstehe ein emotionaler Bezugspunkt. Anhammer plädiert dafür, dass man den Menschen zeigt, wie es sich anfühlt, hinter verschlossenen Türen zu sein, denn das sei „eine körperlich gewaltige Situation“. Nichtsdestotrotz meint er: „Ich würde mir meine Beine selbst im schönsten Gefängnis nicht wünschen.“

 

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